Polyneuropathie - Symptom oder Systemproblem?
Ein Fall, der in Erinnerung geblieben ist
Eine 65-jährige Patientin stellt sich mit seit Jahren bestehenden Missempfindungen in den Füßen vor: Kribbeln, brennende Schmerzen, zunehmende Gangunsicherheit. Bereits vor einiger Zeit bekam die Patientin die Diagnose Polyneuropathie. Es erfolgte eine angepasste Schmerzmedikation, Physiotherapie und die regelmäßige Kontrolle des Blutzuckers.
Trotz umfassender Versorgung stellt sich keine Verbesserung der Beschwerden ein.
Die wichtige Frage, die sich daraus ergab:
Wurde die eigentliche Ursache in diesem Falle mit behandelt?
Ursachen erkennen, Symptome behandeln
Polyneuropathie betrifft immer mehr Menschen, wobei hier meist in folgende Faktoren eingeteilt wird:
- toxisch z.B. Alkohol oder Chemotherapeutika
- metabolisch z.B. Diabetes mellitus
- entzündlich
- genetisch
- idiopathisch
Diese Kategorisierung ist sinnvoll, kann jedoch manchmal relevante Systemzusammenhänge maskieren.
Perspektivwechsel: Polyneuropathie als systemisches Problem
Immer häufiger zeigt sich, dass neuropathische Schmerzen komplexe Erkrankungen sind, welche nicht isoliert betrachtet werden sollten.
Stoffwechsel
Ein Beispiel ist der Stoffwechsel. Bereits leicht erhöhte Blutzuckerwerte, aber auch Blutzuckerschwankungen können neuropathische Schmerzen begünstigen. So kann der Langzeitblutzucker im Normbereich liegen, jedoch zeitweise Blutzuckerspitzen z.B. durch den Verzehr einfacher Kohlenhydrate Nerven schädigen.
Mikronährstoffe
Auch ein Mangel an Mikronährstoffen kann einen Einfluss auf den Blutzucker, aber auch auf die Nervenregeneration zeigen. Hierbei müssen die Werte nicht immer im „roten“ Bereich liegen. Selbst Werte im unteren Normbereich können ein wichtiger Hinweis auf einen subklinischen Mangel sein.
Chronische Entzündungen
Bereits stille Entzündungen (Silent Inflammation) können die Nervenfunktion beeinflussen. Diese resultieren beispielsweise aus einer chronischen Nasennebenhöhlenentzündung, chronische Darmentzündungen oder einer Entzündung der Schilddrüse.
Mitochondriale Dysfunktion
Kommt es zu vermehrtem oxidativem Stress, kann dies zu neuronalen Schäden führen. Zudem führt dies häufig zu einer verminderten Energieversorgung der Nervenstrukturen.
Darmgesundheit
Auch der Darm als ein wichtiger Teil des Immunsystems beeinflusst Entzündungsprozesse und damit die Nervenregeneration. Eine interessante Fragestellung ist hier der Zusammenhang von einem „undichten Darm“ (Leaky-Gut-Syndrom) und neurologischen Beschwerden.
Weiter schauen
Die oben genannten Punkte zeigen, dass die Begleitung von Betroffenen weitaus komplexer ist, als das Problem nur „lokal“ zu behandeln. Es ist wichtig, viele unterschiedliche Faktoren mit einzubeziehen, um die Gesamtheit der Erkrankung zu erfassen. Somit ist Polyneuropathie keine leicht erklärbare Problematik, sondern ein systemisches Ungleichgewicht, beeinflusst durch viele Faktoren.
Warum sich ein Blick über den Tellerrand lohnt
Bei einigen Unklarheiten sollte man fragen, ob hier nicht noch andere Dinge eine wichtige Rolle spielen. Fragen in die Richtung können lauten:
- Schreiten die Symptome trotz Therapie weiter fort?
- Passen die Beschwerden eindeutig zur Diagnose?
- Treten zusätzlich unspezifische Symptome wie Schlafstörungen, Erschöpfung oder Verdauungsprobleme auf?
- Gibt es bekannte Risikofaktoren wie chronischer Stress, Fehlernährung oder Übergewicht?
Können mehrere dieser Fragen mit JA beantwortet werden, dann sollte weiter nachgeforscht werden.
Praktische Ansätze für den Alltag
In solchen Fällen kann es Sinn machen, eine erweitere Anamnese durchzuführen. Hierbei würde man neben den Ernährungsgewohnheiten (auch „kleine“ Snacks zwischendurch), mögliche metabolische Risikofaktoren, die Stressbelastung, aber auch die Einnahme von Medikamenten genauer erfragen.
Manchmal zeigt sich, dass Patienten „grob“ auf die Fragen antworten, jedoch nicht in die Tiefe gehen. Hier lohnt sich das Nachfragen z.B. mit „Und was noch?“.
Auch die Zusammenarbeit von verschiedenen Fachrichtungen kann entscheidet für den Therapieerfolg sein. Neben dem Abklären eines Mikronährstoffstatus, kann auch die endokrinologische und internistische Untersuchung wichtige Anhaltspunkte liefern.
Fallbeispiel genauer beleuchtet
Die zu Beginn des Artikels beschriebene Patientin wurde zur bestehenden Therapie ergänzend genauer betrachtet.
Hierbei fielen besonders folgende Dinge auf:
- hohe Stressbelastung im Alter durch die Pflege eines Angehörigen
- Blutzuckerschwankungen im Alltag durch unregelmäßige und wenig gehaltvolle Mahlzeiten
- schnelles Essen zwischendurch
- bei Bedarf Einnahme eines freiverkäuflichen Magensäurehemmers aufgrund von Sodbrennen
In enger Abstimmung mit dem behandelnden Arzt wurden folgende Maßnahmen favorisiert:
- Messung von Vitamin B12 und hieran gezielte Vitamin B12-Gabe (ärztlich begleitet)
- Maßnahmen zur Stressreduktion
- Anpassung der Ernährungsgewohnheiten durch geschultes Personal
Nach einigen Monaten kam es laut Patientin zu einer gesteigerten Lebensqualität.
Wichtiger Hinweis:
Dieses Fallbeispiel zeigt einen ganz individuellen Verlauf und ist nicht generalisierbar bzw. auf andere Fälle übertragbar. Es zeigt jedoch, welche Möglichkeiten ein erweiterter Blickwinkel bietet.
Fazit
Polyneuropathie ist mehr als ein Symptom. Hierbei geht es meist um ein komplexes Zusammenspiel aus vielen Faktoren. Dies bedeutet: Nicht allein die Nerven betrachten, sondern das gesamte System dahinter beleuchten. Ein Perspektivwechsel eröffnet in der Regel neue Möglichkeiten, für Therapeuten und Betroffene.
Wichtiger Hinweis
Dieser und alle anderen Artikel des Blogs dienen nicht zur Selbstdiagnose und Selbstbehandlung. Zudem ersetzen diese keinen Besuch bei einem Arzt. Jegliche Anwendungen und Maßnahmen sollten zuvor immer mit Ihrem Arzt besprochen werden. Eine Haftung für Schäden und andere Nachteile ist ausgeschlossen.
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