Polyneuropathie durch Glyphosat?
Glyphosat gilt als immer noch häufig eingesetztes Breitbandherbizid. In den 70er Jahren wurde es vom Hersteller Monsanto unter dem Namen Roundup® auf den Markt gebracht. Neben Industrie und Landwirtschaft wird das Herbizid auch im Gartenbau genutzt. Neben der Entwicklung von Glyphosat wurde durch Monsanto weiterhin an Pflanzen geforscht, um diese gentechnisch so zu verändern, dass sie Resistenzen gegen das Mittel entwickeln. Das Ziel ist hierbei ein höherer Ernteertrag. Durch den teils erheblichen Einsatz des Mittels bildeten sich nach und nach Resistenzen bei Unkräutern. Dies führte meist zu einem weiteren Einsatz von Glyphosat. Bis heute erfolgt der höchste Einsatz von Glyphosat auf Feldern mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Seit 1995 bis 2014 hat sich der Einsatz verzwölffacht!
Wichtig
Auch im Obst- und Weinanbau erfolgt häufig der Einsatz von Glyphosat. Dies führt zu einer Belastung von konventionell angebauten Obstsorten und konventionell erzeugten Weinen. Auch die Deutsche Bahn nutzte bis 2023 Glyphosat, um das Gleisbett von Unkräutern zu befreien. Seit 2021 ist der Privatgebrauch und der Einsatz auf öffentlichen Flächen von Glyphosat verboten (1). Glyphosat reichert sich in einzelnen Pflanzenbestandteilen an. Die Rückstände werden nicht durch Waschen oder Kochen beeinflusst.
Glyphosat gelangt zum einen durch das Aufbringen auf den Ackerboden in die Umwelt, zum anderen durch die Einfuhr von gentechnisch veränderten und belasteten Soja-Produkten. In den letzten 20 Jahren hat sich die Soja-Produktion fast verdoppelt. Der größte Anteil stammt aus den USA und Brasilien. Seit dem Verbot von Tiermehl im Jahre 2001 wurde Soja zu einem wichtigen Viehfutter für Rinder, Schweine und Hühner. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahre 2022 rund 3,4 Millionen Tonnen Soja nach Deutschland importiert. Nahezu 100 % des im Brasilien angebauten Sojas sind gentechnisch verändert. Laut europäischen Lebensmittelrecht ist es in Deutschland nicht verpflichtend, gentechnisch veränderte Produkte mit Sojaanteil zu kennzeichnen. Dies betrifft zum Beispiel Fleisch, Milch, Joghurt oder auch Eier (2).
Problematische Zusatzstoffe
In den Produkten mit Glyphosat sind meist auch „Zusatzstoffe“ enthalten. Diese sind unter anderem Polyoxyethylentalgamin (POEA) und das Abbauprodukt Aminomethylphosphonsäure (AMPA).
In einer In-vitro-Studie wurde untersucht, welche Wirkungen POEA auf die Darmschleimhaut zeigt. Hierbei zeigte sich eine hohe Toxizität mit irreversibler Reaktion der Kontraktilität (Zusammenziehen) und der Reaktivität des Darmgewebes (3). In einer Studie mit Ratten wurde untersucht, inwieweit Glyphosat in Verbindung mit POEA negative Effekte aufweist. Hierbei zeigte sich, dass nach der Verabreichung der Stoffe Blutungen im Lungengewebe, Nasenbluten, Durchfälle sowie Schäden am Lungenepithel auftraten. Zudem war die Todesrate bei der Kombination Glyphosat und POEA höher (4). In einer weiteren Studie wurde anhand von Fischen die Wirkung von POEA untersucht. Hierbei zeigte sich eine Veränderung der roten Blutkörperchen (Hämolyse) sowie DNA-Schäden (5). In einer In-vitro-Studie an menschlichen Zellen wurde untersucht, inwieweit Roundup® schädigend wirkt. Dabei wurden Schäden an Plasmamembranen und Mitochondrien festgestellt (6). In einer weiteren Studie wurde die Wirkung von Roundup® bzw. POEA an Fruchtfliegen näher untersucht. Hierbei zeigte sich eine verkürzte Lebensdauer sowie eine verminderte Fruchtbarkeit (7). In einer Studie mit Kaulquappen wurde ebenfalls die Wirkung untersucht. Dabei zeigte sich eine erhöhte Sterblichkeit, DNA-Schäden sowie Leberschäden (8).
In einer anderen Studie wurde die Wirkung von AMPA auf Prostatazelllinien untersucht. Hierbei zeigten sich vermehrt oxidative Schäden bzw. Zellschäden sowie ein negativer Einfluss auf das Zellwachstum (9). In einer Kohortenstudie mit 480 Personen wurde untersucht, inwieweit eine dauerhafte Exposition von AMPA Einfluss auf Leberwerte und dem metabolischen Syndrom zeigt. Hierbei wurden Urinproben von Schwangeren, Kindern und Jugendlichen untersucht. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Glyphosatbelastung und dem Anstieg von Leberwerten sowie dem Entstehen eines metabolischen Syndroms. Das Ergebnis zeigte, dass eine Glyphosatbelastung vor allem im frühen Kindesalter mit Lebererkrankungen und Übergewicht assoziiert war (10).
In einer weiteren interessanten Studie wurde untersucht, inwieweit reines Glyphosat, Roundup® bzw. AMPA in verschiedene Gewebe eindringen kann. Hierzu wurden Bachforellen genutzt und alle Werte dokumentiert. Die Forellen wurden zwei, drei bzw. vier Wochen bei unterschiedlichen Temperaturen lang mit dem Herbizid konfrontiert. Die Sterblichkeit war bei 15 °C deutlich höher, als bei 7°C. Jüngere Tieren waren häufiger von Sterblichkeit betroffen. Zudem zeigte sich mit steigender Temperatur auch eine vermehrte Aufnahme im Gewebe. Die Todesraten zeigten sich bei Glyphosat und AMPA ähnlich, waren jedoch beim Roundup® am höchsten. Zudem konnten erhöhte Konzentrationen von Glyphosat vor allem im Kopf-, Muskel-, Rückgrat- und Schwanzflossengewebe nachgewiesen werden. Die Anreicherung im Gewebe war zudem bei Roundup® höher, als beim reinen Glyphosat. Insgesamt 30-42% des Herbizids bzw. AMPA verblieben im Gewebe, obwohl die Fische nach Beendigung der Exposition drei Wochen lang im nicht kontaminierten d.h. sauberem Wasser schwammen. Die Forscher schließen daraus, dass kontaminierter Fisch ein Problem für Menschen darstellen kann (11).
Nervenschäden durch Glyphosat?
Durch die oben genannten Studien wird klar, dass aus heutiger Sicht meist das Glyphosat nicht allein schädigend wirkt, sondern die Kombination durch bedenkliche Zusatzstoffe wie POEA.
Der Biologe Dr. Fabian Szepanowski der Arbeitsgruppe für klinische und experimentelle Neuroimmunologie der Neurologischen Klinik Essen weist in einer Stellungnahme darauf hin, dass Zusatzstoffe einen „schädigenden Einfluss auf das Myelin“ haben können. Auch PD Dr. Dr. Mark Stettner erläutert, dass Glyphosat-haltige Stoffe „peripherer Nervenerkrankungen begünstigen“ (12). In einer Studie testeten die Wissenschaftler reines Glyphosat und Roundup®. Hierfür nutzten sie Zellkulturen aus Nervenzellen bzw. Schwannzellen (diese umhüllen schützend Nervenzellen und versorgen diese). Dabei zeigte sich, dass die Myelinschicht („Isolierschicht“) der Nervenfasern nachweislich abgebaut wurden. Zudem verhinderte das Herbizid, dass diese neu gebildet werden konnte. Im Vergleich hierzu zeigte das reine Glyphosat-haltige Präparat eine weniger schädigende Wirkung. Die Vermutung war zudem, dass die Schwannzelle sich durch einen aktivierten entzündlichen Prozess nicht regenerierte (13). Auch andere Untersuchungen weisen auf neurotoxische Einflüsse hin, jedoch sind hierfür weitere Studien erforderlich (14). Auch eine Analyse aus dem Jahre 2022 konnte zeigen, dass Glyphosat dosisabhängig in das Gehirn eindringen und somit die Blut-Hirn-Schranke überwinden konnte. Weiterhin wurde gezeigt, dass der Entzündungsmediator TNF-alpha sowohl im Gehirn, als auch im Plasma erhöht nachgewiesen wurde. Der Anstieg korrelierte mit der Glyphosat-Dosis. Zudem konnte eine Anreicherung in den Gliazellen sowie ein Einfluss auf Myelinisierung, Axonhülle und Entwicklung von Gliazellen nachgewiesen werden (15).
Polyneuropathie und Glyphosat
Durch die verschiedenen Untersuchungen auf Zellkulturen und das Nervengewebe besteht ein mögliches Risiko für Schäden an Myelinscheiden (Schwannzellen) im peripheren Nervensystem. Hier kann die Hypothese aufgestellt werden, dass eine mäßige bis hohe Exposition mit Glyphosat vor allem in Verbindung mit Zusatzstoffen wie POEA zentrale wie auch periphere Nerven mittel- bis langfristig schädigen kann.
Um zu schauen ob der Körper mit Glyphosat belastet ist, kann ein einfacher Urintest erfolgen. Dieser kann als Testset in Apotheken bzw. im Internet für etwa 50-60 € erworben werden.
Für die Testung geht man wie folgt vor:
- Für den Test wird der 1.Morgenurin verwendet.
- Man sollte vor der Testung etwa 8 Stunden nichts gegessen haben.
- Bevor der Urin mit einem mitgelieferten Plastikbecher aufgefangen wird, sollten die ersten Milliliter verworfen werden.
- Im Anschluss wird mit einer mitgelieferten Pipette Urin aus dem Becher entnommen und in ein dafür vorgesehenes Röhrchen gefüllt.
- Die Probe wird inklusive unterschriebenem Anforderungsbogen in das Labor geschickt.
- Nach einigen Tagen ist das Ergebnis da und kann in der Regel online abgerufen werden.
Welche Personen können vor allem belastet sein?
- Landwirte und Bauern
- Menschen, welche vorrangig konventionelles Gemüse und Obst essen
- Menschen, welche nah an regelmäßig bewirtschafteten Ackerflächen leben
- Menschen, welche nah an regelmäßig bewirtschafteten Obstplantagen leben
- Personen, die viel Wein, Bier und konventionelle Getreidesorten (Dinkel, Weizen, Roggen) zu sich nehmen
- Personen, die viel konventionelle Fleischerzeugnisse, Eier und Milchprodukte (belastetes importiertes Soja-Futtermittel) zu sich nehmen
Wie kann eine mögliche Belastung reduziert werden?
Belastungen können reduziert werden, indem vorrangig auf Biolebensmittel zurückgegriffen wird. Dies betrifft sowohl Gemüse, Obst, Milchprodukte, Eier, Wein, Bier wie auch Getreideerzeugnisse und Getreide im Allgemeinen.
Quellen
(1) Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (abgerufen März 25). https://www.landwirtschaft.de/umwelt/duengung-und-pflanzenschutz/pflanzenschutz/der-streit-um-glyphosat-worum-geht-es
(2) Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (abgerufen März 25). https://www.landwirtschaft.de/tier-und-pflanze/pflanze/huelsenfruechte/soja-nahrungsmittel-fuer-tier-und-mensch
(3) Chłopecka M, Mendel M, Dziekan N, Karlik W. The effect of glyphosate-based herbicide Roundup and its co-formulant, POEA, on the motoric activity of rat intestine - In vitro study. Environ Toxicol Pharmacol. 2017 Jan;49:156-162. doi: 10.1016/j.etap.2016.12.010. Epub 2016 Dec 26. PMID: 28049099.
(4) Adam A, Marzuki A, Abdul Rahman H, Abdul Aziz M. The oral and intratracheal toxicities of ROUNDUP and its components to rats. Vet Hum Toxicol. 1997 Jun;39(3):147-51. PMID: 9167243.
(5) Navarro CD, Martinez CB. Effects of the surfactant polyoxyethylene amine (POEA) on genotoxic, biochemical and physiological parameters of the freshwater teleost Prochilodus lineatus. Comp Biochem Physiol C Toxicol Pharmacol. 2014 Sep;165:83-90. doi: 10.1016/j.cbpc.2014.06.003. Epub 2014 Jun 20. PMID: 24955954.
(6) Hao Y, Xu W, Gao J, Zhang Y, Yang Y, Tao L. Roundup-Induced AMPK/mTOR-Mediated Autophagy in Human A549 Cells. J Agric Food Chem. 2019 Oct 16;67(41):11364-11372. doi: 10.1021/acs.jafc.9b04679. Epub 2019 Oct 7. PMID: 31542934.
(7) Bednářová A, Kropf M, Krishnan N. The surfactant polyethoxylated tallowamine (POEA) reduces lifespan and inhibits fecundity in Drosophila melanogaster- In vivo and in vitro study. Ecotoxicol Environ Saf. 2020 Jan 30;188:109883. doi: 10.1016/j.ecoenv.2019.109883. Epub 2019 Nov 5. PMID: 31704328.
(8) Lopes A, Benvindo-Souza M, Carvalho WF, Nunes HF, de Lima PN, Costa MS, Benetti EJ, Guerra V, Saboia-Morais SMT, Santos CE, Simões K, Bastos RP, de Melo E Silva D. Evaluation of the genotoxic, mutagenic, and histopathological hepatic effects of polyoxyethylene amine (POEA) and glyphosate on Dendropsophus minutus tadpoles. Environ Pollut. 2021 Nov 15;289:117911. doi: 10.1016/j.envpol.2021.117911. Epub 2021 Aug 4. PMID: 34365244.
(9) Borges DS, Vecchi L, Barros DCT, Arruda VM, Ferreira HSV, da Silva MF, Guerra JFDC, Siqueira RP, Araújo TG. Glyphosate and Aminomethylphosphonic Acid (AMPA) Modulate Glutathione S-Transferase in Non-Tumorigenic Prostate Cells. Int J Mol Sci. 2023 Mar 28;24(7):6323. doi: 10.3390/ijms24076323. PMID: 37047296; PMCID: PMC10094733.
(10) Eskenazi B, Gunier RB, Rauch S, Kogut K, Perito ER, Mendez X, Limbach C, Holland N, Bradman A, Harley KG, Mills PJ, Mora AM. Association of Lifetime Exposure to Glyphosate and Aminomethylphosphonic Acid (AMPA) with Liver Inflammation and Metabolic Syndrome at Young Adulthood: Findings from the CHAMACOS Study. Environ Health Perspect. 2023 Mar;131(3):37001. doi: 10.1289/EHP11721. Epub 2023 Mar 1. PMID: 36856429; PMCID: PMC9976611.
(11) Drechsel, V, Krais, St, Peschke, K, Ziegler, M, Köhler, HR, Triebskorn (2024). Glyphosate- and aminomethylphosphonic acid (AMPA)-induced mortality and residues in juvenile brown trout (Salmo trutta f. fario) exposed at different temperatures. (2024). Environmental Sciences Europe. 36, Article number: 30, https://enveurope.springeropen.com/articles/10.1186/s12302-024-00857-1
(12) UK Essen (abgerufen März 25). https://www.uk-essen.de/presse/pflanzenschutzmittel-koennen-nerven-schaedigen/
(13) Szepanowski F, Kleinschnitz C, Stettner M. Glyphosate-based herbicide: a risk factor for demyelinating conditions of the peripheral nervous system? Neural Regen Res. 2019 Dec;14(12):2079-2080. doi: 10.4103/1673-5374.262579. PMID: 31397340; PMCID: PMC6788227.
(14) Costas-Ferreira C, Durán R, Faro LRF. Toxic Effects of Glyphosate on the Nervous System: A Systematic Review. Int J Mol Sci. 2022 Apr 21;23(9):4605. doi: 10.3390/ijms23094605. PMID: 35562999; PMCID: PMC9101768.
(15) Winstone JK, Pathak KV, Winslow W, Piras IS, White J, Sharma R, Huentelman MJ, Pirrotte P, Velazquez R. Glyphosate infiltrates the brain and increases pro-inflammatory cytokine TNFα: implications for neurodegenerative disorders. J Neuroinflammation. 2022 Jul 28;19(1):193. doi: 10.1186/s12974-022-02544-5. Erratum in: J Neuroinflammation. 2024 Jan 17;21(1):20. doi: 10.1186/s12974-023-02990-9. PMID: 35897073; PMCID: PMC9331154.
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