CRPS (Mb. Sudeck) - Neuroinflammation und Vitamin C
Das CRPS stellt Therapeuten meist regelmäßig vor Herausforderungen. Es gilt als eine Art Chamäleon unter den Erkrankungen. Die Beschwerden passen häufig nicht zum auslösenden Ereignis. Auch der Verlauf ist variabel. Weiterhin sind die pathophysiologischen Mechanismen komplex und sehr individuell.
Seit längerer Zeit gibt es Hinweise, dass verschiedene Erkrankungen sich aus einer Art Neuroinflammation entwickeln können. Dies betrifft neben peripheren Nervenerkrankungen auch das zentrale Nervensystem.
Beim CRPS (früher auch Morbus Sudeck) können zwei Typen unterschieden werden. Typ I resultiert aus nicht nachweisbaren peripheren Nervenläsionen, Typ II aus nachgewiesenen Nervenschäden. Beide Typen können unterschiedlich stark verlaufen. Dies macht es meist so schwierig, die Erkrankung rechtzeitig zu erkennen.
Neuroinflammation als Hinweis
Bei einer Neuroinflammation handelt es sich um eine komplexe immunologische Reaktion innerhalb des Nervensystems. Nach einem Trauma z.B. Schnittwunde, Prellung, Quetschung oder Operation kommt es zur Freisetzung von proinflammatorischen Zytokinen wie TNF-alpha, Interleukin-1-beta und Interleukin-6. Diese sind wichtig, um initial die Wundheilung einzuleiten. Je nach Ausmaß der Verletzung werden vermehrt Zytokine frei. Hierdurch wird der Körper angeregt ausreichend „entzündungshemmende“ Stoffe bilden, um die Wundheilung zu beginnen. Durch das Freiwerden der Zytokine kommt es unmittelbar zu einer Gefäßerweiterung mit Rötung und Überwärmung, Ödembildung und zur Sensibilisierung von Nozizeptoren. Je massiver die Sensibilisierung ausfällt, desto stärker verläuft die Reizweiterleitung in Richtung zentrales Nervensystem bzw. Gehirn.
Wichtig
Kommt es zu einer länger anhaltenden Sensibilisierung der Nozizeptoren, so hat dies einen direkten Einfluss auf ZNS-Ebene.
Zentrale Sensibilisierung
Findet eine dauerhafte Sensibilisierung d.h. „Aktivierung“ der peripheren Nozizeptoren statt, so kommt es zu einer gesteigerten Reaktionsbereitschaft zentraler Neurone.
Vereinfacht gesagt: Ruft eine Person hunderte Male täglich bei der städtischen Feuerwehr an und meldet einen Großbrand (welcher in der Form gar nicht existiert), dann wird die oberste Leitungsebene der Feuerwehr diesen Anruf nach einigen Tagen gar nicht mehr ernst nehmen und somit auch keine Löschfahrzeuge zum Einsatzort schicken.
Dies hat zur Folge, dass es zu einer Hyperalgesie (verstärkte Schmerzreaktion auf schmerzhafte Reize), Allodynie (Schmerz durch für gewöhnlich nicht schmerzhafte Reize) und zu einer Ausweitung des Schmerzareals kommt.
Wieder vereinfacht gesagt: Die Leitung der Feuerwehr würde sehr empfindlich auf die Anrufe der Person reagieren und alle Feuerwehrleute im Umkreis von mehreren Kilometern darauf aufmerksam machen, dass der Anruf nicht mehr ernst genommen wird.
Hirnscans zeigen Veränderungen
In einer Studie wurde mithilfe von MRT-Scans das Volumen der grauen Substanz von Patienten mit CRPS der rechten oberen Extremität im Vergleich zur Kontrollgruppe untersucht. Hierbei zeigte sich bei der CRPS-Gruppe ein verringertes Volumen der grauen Substanz in mehreren schmerzrelevanten Hirnbereichen. Bei weiteren Analysen zeigte sich, dass die Schmerzdauer mit dem verringerten Volumen korrelierte. Die Studie konnte zeigen, dass es bei CRPS-Patienten nachweislich morphologisch veränderte Hirnareale gibt (1, 2).
Wichtig
Kommt es zu einer länger andauernden peripheren und zentralen Sensibilisierung, dann können Veränderungen im Gehirn beobachtet werden. Dies wird auch als Reorganisation oder als Prozess der neuronalen Plastizität bezeichnet.
Weitere mögliche Symptome
Neben chronischen Schmerzen können sich durch eine Neuroinflammation auch weitere eher unspezifische Symptome zeigen. Diese können sein:
- chronische Müdigkeit bis hin zu Fatigue
- Gehirnneben (Brain Fog)
- Stimmungsschwankungen
- Schwindel
- Kopfschmerzen
- Schlafstörungen
Entzündungshemmung als Lösungsansatz?
Ein Lösungsansatz könnte bei CRPS in der Entzündungshemmung liegen. Kommt es bei Patienten zu einer starken und länger anhaltenden Ausschüttung von proinflammatorischen Zytokinen, dann könnten entzündungshemmende Stoffe eine Option darstellen.
Eine davon ist Vitamin C.
In einer prospektiven, randomisierten Studie wurde untersucht, inwieweit 1 Gramm Vitamin C täglich über einen Zeitraum von 40 Tagen zur Prävention eines CRPS eingesetzt werden kann. Die Probanden erhielten eine Kniegelenksersatzoperation. 153 Patienten waren in der Vitamin C-Gruppe, 139 Patienten in der Placebo-Gruppe. Die Prävalenz lag insgesamt bei 7,9 % (23 von 292), in der Vitamin C-Gruppe bei 3,9 % (6 von 153) und in der Placebo-Gruppe bei 12,2 % (17 von 139). Somit zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen beiden Gruppen (3).
In einer retrospektiven Kohortenstudie mit 542 Patienten wurde untersucht, inwieweit 500 mg Vitamin C täglich über einen Zeitraum von 50 Tagen postoperativ (Spondylodese) Einfluss auf die Entwicklung eines CRPS zeigt. 267 Patienten erhielten Vitamin C, 266 Patienten kein Vitamin C. Das Auftreten von CRPS unterschied sich signifikant (13 % im Vergleich zu 7 %). Zudem konnte gezeigt werden, dass sich das Risiko für ein CRPS nach einer Operation um bis zu 50 % reduzieren ließ (4).
In einer systematischen Literaturübersicht wurde untersucht, inwieweit Vitamin C als Prävention bei Handgelenksfrakturen eingesetzt werden kann. Es wurden drei Studien mit insgesamt 875 Probanden eingeschlossen. Bei ca. 85 % erfolgte die Behandlung konservativ, bei den restlichen Probanden operativ. Die Vitamin C-Gabe von 500 mg wurde am Tag der Verletzung begonnen und über 50 Tage fortgeführt. In der Vitamin C-Gruppe lag das Risiko für CRPS signifikant niedriger, als in der Kontrollgruppe (5).
Fazit
CRPS gilt auch weiterhin als komplexe Schmerzerkrankung. Deshalb ist es wichtig, dass individuelle Risikofaktoren des Patienten erkannt werden. Zudem können neben therapeutischen Angeboten auch Entspannungsverfahren eine wichtige Rolle spielen.
Zudem könnte eine antientzündliche Behandlung in Form von Vitamin C eine interessante Therapieoption darstellen.
Quellen
1) Barad MJ, Ueno T, Younger J, Chatterjee N, Mackey S. Complex regional pain syndrome is associated with structural abnormalities in pain-related regions of the human brain. J Pain. 2014 Feb;15(2):197-203. doi: 10.1016/j.jpain.2013.10.011. Epub 2013 Nov 7. PMID: 24212070; PMCID: PMC4784981.
2) Pleger B, Draganski B, Schwenkreis P, Lenz M, Nicolas V, Maier C, Tegenthoff M. Complex regional pain syndrome type I affects brain structure in prefrontal and motor cortex. PLoS One. 2014 Jan 9;9(1):e85372. doi: 10.1371/journal.pone.0085372. PMID: 24416397; PMCID: PMC3887056.
3) Jacques H, Jérôme V, Antoine C, Lucile S, Valérie D, Amandine L, Theofylaktos K, Olivier B. Prospective randomized study of the vitamin C effect on pain and complex pain regional syndrome after total knee arthroplasty. Int Orthop. 2021 May;45(5):1155-1162. doi: 10.1007/s00264-020-04936-9. Epub 2021 Jan 12. Erratum in: Int Orthop. 2021 May;45(5):1385. doi: 10.1007/s00264-021-04981-y. PMID: 33438072.
4) Laumonerie P, Martel M, Tibbo ME, Azoulay V, Mansat P, Bonnevialle N. Influence of vitamin C on the incidence of CRPS-I after subacromial shoulder surgery. Eur J Orthop Surg Traumatol. 2020 Feb;30(2):221-226. doi: 10.1007/s00590-019-02542-z. Epub 2019 Sep 20. PMID: 31541301.
5) Aïm F, Klouche S, Frison A, Bauer T, Hardy P. Efficacy of vitamin C in preventing complex regional pain syndrome after wrist fracture: A systematic review and meta-analysis. Orthop Traumatol Surg Res. 2017 May;103(3):465-470. doi: 10.1016/j.otsr.2016.12.021. Epub 2017 Mar 4. PMID: 28274883.
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